Vom technischen Bauwerk zur lebendigen Naturlandschaft

© Foto: Leo / fokus-natur.de
Die Krebsbachtalsperre im Landkreis Greiz war jahrzehntelang ein stiller Zeuge des Uranbergbaus der Wismut. Wo einst ein funktionales Speicherbauwerk stand, breitet sich heute ein vielfältiges, artenreiches Bachtal aus. Die Renaturierung hat das Gebiet grundlegend verändert – und zeigt eindrucksvoll, wie Natur sich ihren Raum zurückerobern kann, wenn man ihr die Chance dazu gibt.

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Ein Tal im Wandel
Zwischen 1962 und 1964 errichtet, diente die Talsperre zunächst der Bereitstellung von Brauchwasser für den Uranerzbergbau. Später wurde sie als Beregnungsspeicher genutzt. Doch Baumängel, Sicherheitsrisiken und der Strukturwandel nach dem Ende des Bergbaus führten schließlich zu einer grundlegenden Frage: Sanieren oder zurückbauen?
Nach umfangreichen Untersuchungen fiel die Entscheidung zugunsten der Natur. Zwischen 2007 und 2008 wurde die Talsperre vollständig zurückgebaut – ein deutschlandweit einmaliges Projekt. Seit 2017 sind auch die Pflege- und Entwicklungsmaßnahmen abgeschlossen. Zurück blieb kein Problemfall, sondern ein ökologisches Vorzeigegebiet.
Naturschutz & ökologische Entwicklung
Ein Bach findet zu sich zurück
Mit dem Rückbau konnte der Krebsbach wieder zu einem frei mäandrierenden Fließgewässer werden. Wanderhindernisse verschwanden, natürliche Strukturen entstanden neu – und mit ihnen ein Mosaik wertvoller Lebensräume.
Heute prägen den Krebsbach:
- naturnahe Ufer
- variable Strömungsbereiche
- Totholzstrukturen
- Kies- und Schotterbänke
- Laichplätze für Bachforellen und Kleinfische
Die offene Aue wirkt kühlend, speichert Wasser und bietet Lebensraum für zahlreiche Arten, die in der intensiv genutzten Kulturlandschaft selten geworden sind.
Lebensräume im neuen Krebsbachtal
Auf den ehemaligen Stauraumflächen haben sich vielfältige Biotope entwickelt:
- Feuchtwiesen
- Erlen Eschen Auwälder
- Flachwasserzonen
- Kies- und Schotterbänke
- Pionierstandorte für Amphibien und Insekten
Arten im Krebsbachtal
(FFH Arten mit ⭐, Gefährdung & FFH Anhang farblich hervorgehoben)

Grasfrosch (Rana temporaria)
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🐸 Amphibien
- Grasfrosch – nicht gefährdet
- Erdkröte – nicht gefährdet
- Bergmolch – nicht gefährdet
- Teichmolch – nicht gefährdet
- ⭐ Kammmolch – FFH Anhang II & IV, gefährdet (RL D), in den letzten Jahren nicht mehr nachgewiesen.
🐟 Fische
- Bachforelle – nicht gefährdet
- Schmerle – gefährdet (RL D)
- Elritze – nicht gefährdet

Eisvogel (Alcedo atthis)
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🐦 Vögel
- Eisvogel – besonders geschützt, gefährdet (RL D)
- Wasseramsel – nicht gefährdet
- Gebirgsstelze – nicht gefährdet
- Rotmilan – stark gefährdet (RL D)

Großes Sumpf-Dotterblume (Caltha palustris)
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🌿 Pflanzen
- Sumpfdotterblume – nicht gefährdet
- Kuckucks Lichtnelke – nicht gefährdet
- Feuchtwiesenarten – teils gefährdet
- Erlen Eschen Auwaldgesellschaften – Lebensraumtyp gefährdet (Eschensterben)
FFH Arten im Einflussbereich des Krebsbaches

Großes Mausohr (Myotis myotis)
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🦇 Fledermäuse
- ⭐ Mopsfledermaus – FFH Anhang II & IV, stark gefährdet
- ⭐ Großes Mausohr – FFH Anhang II & IV, gefährdet

Schlingnatter (Coronella austriaca)
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🦎 Reptilien
- Waldeidechse – nicht gefährdet
- ⭐ Zauneidechse – FFH Anhang IV, gefährdet
- Blindschleiche – nicht gefährdet
- Ringelnatter – nicht gefährdet
- ⭐ Schlingnatter – FFH Anhang IV, gefährdet
- Kreuzotter (vermutet) – stark gefährdet
🦦 Säugetiere
- ⭐ Fischotter – FFH Anhang II & IV, stark gefährdet
🐞 Insekten
- Libellenarten der Feuchtgebiete – teils gefährdet
- Tagfalter extensiver Wiesen – teils gefährdet
🐉 Libellen
- ⭐ Grüne Flussjungfer – FFH Anhang II & IV, gefährdet
- ⭐ Große Moosjungfer – FFH Anhang II & IV, stark gefährdet
- ⭐ Zweigestreifte Quelljungfer (vermutlich) – FFH Anhang IV, gefährdet
Fazit
Ein gelungenes Beispiel für ökologische Transformation.
Die ehemalige Krebsbachtalsperre zeigt, wie aus einem technischen Bauwerk ein wertvoller Naturraum entstehen kann. Die Renaturierung hat:
- die ökologische Qualität des Krebsbachs deutlich verbessert
- Lebensräume für zahlreiche – auch FFH geschützte – Arten geschaffen
- das Landschaftsbild aufgewertet
- die biologische Vielfalt nachhaltig gestärkt
Heute ist das Krebsbachtal ein lebendiges Beispiel für erfolgreichen Naturschutz und ein Ort, an dem Natur und Geschichte sichtbar ineinandergreifen.
Historische Zeitleiste
- 1962–1964 – Bau der Talsperre
- 1964–1989 – Nutzung als Brauchwasserspeicher der SDAG Wismut
- ab 1985 – Nutzung als Beregnungsspeicher
- 1990er Jahre – Stauzielabsenkungen, Gutachten, UVP
- 2000 – Planfeststellungsantrag für den Rückbau
- 2007–2008 – Rückbau, Renaturierung, Hochwasserschutz
- 2017 – Abschluss der Pflege- und Entwicklungsphase
Technische Daten der ehemaligen Talsperre
- Bauwerkstyp: Steinschüttdamm mit Lehmkerndichtung, später Stahlspundwand
- Höhe: 18,5 m
- Kronenlänge: 186 m
- Stauraumvolumen:
- bis 1981: 0,398 Mio. m³
- ab 2002: 0,156 Mio. m³
- Wasserfläche: mehrere Hektar
- Einzugsgebiet: 14,1 km²
Quellenverzeichnis
Fachliteratur:
- Mehlhorn, Quent; Ottenbreit, Markus; Walter, Bruno (2005): Planfeststellungsverfahren zum Rückbau der Talsperre Krebsbach.
- Deubner, Helmut u. a. (1993): Talsperren in Thüringen.
- Kluck, Gabriela (2012): Rückbau von Talsperren – globale Entwicklung.
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Behörden- und Projektunterlagen:
- Thüringer Fernwasserversorgung (TFW): Projektunterlagen zum Rückbau der Talsperre Krebsbach
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Online:
- Wikipedia: Talsperre Krebsbach
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Hintergrund Uranbergbau:
- bpb: Karlsch, Rainer (1993): „Ein Staat im Staate“ – Der Uranbergbau der Wismut AG