Weidenbäume- Meister des Wachstums- Fluch und Segen

© Foto: Undine Adler
Keine andere mitteleuropäischer Baumart wurde von den Menschen seit deren Gebrauch von Werkzeugen lebend so beschnitten, wie die Weide. Sie hält Kürzungen bis zur Verstümmelung nicht nur aus, selbst von ihr abgetrennte Teile treiben immer wieder aus. Weil der Mensch das erkannte, hat er einen entscheidenden Beitrag zur Artenvielfalt geleistet.
Er schlug die Zweige je nach Gebrauchsabsicht nach 2, 3, 5 oder über 10 Jahren vom Stamm, oder kürzte sogar den Stamm insgesamt (Köpfung).
Weiden wurden verwendet für Fachungen zum Hausbau mit Lehm und Korbflechterei aus dünnen Zweigen („Korbweide“). Starke Äste dienten als Stiele für Werkzeuge („Stielweide“).

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Dicke Holzpfosten setzte man in Reihe als Einzäunungen von Weideflächen. Sie trieben aus und wurden wieder zu Bäumen! Durch ihren hohen Wasserbedarf, nutzte man sie für Überschwemmungsschutz und Entwässerung an Wasserläufen. Heute ist das an in Reihe stehenden alten Weiden zu erkennen.
Jedoch setzte der Mensch mit dem Schnitt Wunden in das Holz. Große Angriffsflächen wurden leicht von Pilzen, Moosen und Farnen besiedelt, die Insekten und Spinnen anlockten. Vögel und Kleinsäuger fanden Nahrung und Unterschlupf in den durch Holzzersetzung entstandenen Höhlen.
Je älter der Baum, umso vielfältiger die Arten, die mit und von ihm leben.

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Die Bäume haben sich der Nutzungsart angepasst. Regelmäßiger Schnitt verjüngt sie und verhindert, dass sie auseinanderbrechen. Ein erfahrener Bauer erzählte mir, wie in seiner Kindheit Stiele für Schaufeln und Mistgabeln hergestellt wurden: Nach dem Schnitt steckte man die Äste in einen Brunnen (siehe Foto), bis sie Wurzeln und Zweige hatten. Erst dann konnten sie gut abgeschält werden. Schon übernahmen sie ihre Funktion. Kein Schleifen, kein Lackieren- die Stiele wurden von regelmäßiger Benutzung durch Menschenhand „glatt wie Glas“!
Wer die Möglichkeit hat, alte Weiden auf die beschriebene Art zu erhalten, kann seine Mühen oder Kosten in den Naturschutzbehörden melden. Auf Grund der großen Bedeutung von Kopfweiden für die Artenvielfalt kann er mit fachlicher und finanzieller Unterstützung rechnen. Jeder einzelne Baum zählt!